Dienstag, 30. Juni 2015

Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage: How to read this blog – Weizenmischbrot und -brötchen mit Slow Dough


Das war so nicht geplant. Überhaupt war wenig geplant, als ich vor dreieinhalb Jahren diesen Blog registrierte. (Wenn wir ehrlich sind: nichts.) Ich hab' einfach mal gemacht – so, wie ich dachte, dass man das eben macht, als Foodbloggerin.

Daran hat sich im Wesentlichen nichts geändert. Im Wesentlichen mache ich hier immer noch einfach so – ohne Redaktionsplan, ohne Gedöns, eher leise als laut (Ja, ich unterscheide in leise und laute Blogs. Schräg?). Bloß, dass dieses „Einfach so“ inzwischen zwei, drei Regeln folgt:
  1. Hier gibt es – frei nach Hans Stucki – das, was mir schmeckt und ich uneingeschränkt ans Herz legen kann.* Eher blogge ich gar nicht, als dass ich etwas blogge, mit dem ich nicht voll und ganz zufrieden bin (→ 6.).
  2. Obwohl das auch auf ein gutes Frühstücksei und eine ordentliche Käsestulle zutrifft: Ein Blogessen braucht das „certain something“ – in Form ungewöhnlicher Zutaten, unerwarteter Zubereitungsweise (s. u.), erstaunlichen Geschmacks. Die durchweg alltagstaugliche „Easy-peasy“-Küche dürfen andere übernehmen, danke.
  3. Form follows function: Wenn irgend möglich, sollte dieses Gute, Neue, Andere auf den Fotos zu erkennen sein. Wenn nicht, dann nicht – kalt wird mein Essen darum nicht.
  4. Bei Musenkuss gibt’s dazu Text. Wenn nicht, dann – genau.
  5. Quellentransparenz ist mir sehr wichtig: Fremde Federn werden als solche gekennzeichnet (= direkt unter dem Rezepttitel), auch wenn man das nach deutschem Recht nicht in jedem Falle muss. Ich finde das aber nur kollegial und freue mich, wenn es umgekehrt genauso gehandhabt wird.
  6. Manchmal stellt sich das abschließende Urteil erst in der Rückschau ein – weshalb hier regelmäßig durchsortiert und gelöscht wird, was meinen Vorstellungen doch nicht bzw. nicht mehr entspricht.
  7. Und manchmal schlage ich all das vollbewusst in den Wind.

Ich dachte, ich sag' das mal.

Und zum Brot (vulgo: zu den Brötchen): Kommt von Ketex und schmeckt prima – dank röscher Kruste, perfekter Krumenkonsistenz und den eigenmächtig dazugeworfenen Leinsamen. Es ist anders als die anderen Brote, weil man es zwischendurch ins Tiefkühlfach stellt. Auch, wenn man ausgerechnet das auf den Fotos nicht sieht: Revisionsgefahr besteht vorläufig keine.

Sonntag, 28. Juni 2015

Was vom Feste übrig blieb: Outakes II


Stichwort Schrankleichen: Auf meiner Festplatte lagern inzwischen auch wieder zwei oder drei. Und weil man die Aufbraucherei durchaus genreübergreifend betreiben kann, serviere ich hiermit: Reste.

Bon appétit!


Freitag, 19. Juni 2015

Saisonausklang: Rhabarber-Tarte mit Ziegenfrischkäse-Creme und Mandelstreuseln nach Jacquy Pfeiffer


Ich bin ein bisschen müde – gewächsesaisonbejubelmüde. Ich freue mich, wenn es wieder Spargel gibt, Rhabarber, Erdbeeren. Ich mag sie schließlich – alle. Bloß nicht auf Knopfdruck. (Und: nicht nur.)

Vielleicht liegt es am Alter (ja-ha...). Gefühlt ist die letzte Saison nämlich noch gar nicht so lange her und etwaige Gelüste sind längst noch nicht wieder virulent (wahlweise: akut von anderen, neuen, spannenden Zutaten überlagert). Das eine, Genau-das-will-ich-jetzt-essen-Rezept taucht sowieso erst mit Ernteende auf – for sure.

Damit wenigstens euch das nicht passiert, serviere ich diese Tarte schon jetzt. Im Vergleich zu Hermés Rhabarber-Bayadère wirkt sie schlicht, fast unscheinbar. Dank des pochierten Rhabarbers in Spontan-Kombination mit Ziegenfrischkäse ist sie dafür eine echte Alternative, wenn's genau das Bisschen bodenständiger sein soll.

Dienstag, 16. Juni 2015

Traumatherapie: Quiche mit Sellerie, Spinat und Kirschen nach Johann Lafer


Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, außer „Sellerie“, „Kirschen“, „Spinat“ (und meine Meinung zu Sellerie kennt ihr). Die Quiche daraus gab es binnen kürzester Zeit trotzdem zwei Mal (In Worten: z w e i. In Zahlen: auch. Und wer das nicht kennt, guckt von vorn – bitte!). Und es wird sie wieder geben – möglicherweise sogar nicht nur aus Sellerieresten, sondern eigens zu diesem Zweck erworbenem.
Ich bin konsterniert – und schwer begeistert.

Merci, Eva!

Mittwoch, 10. Juni 2015

Fond of Fond: Sommerliche Minestrone nach Daniel Humm


Das war keine gute Idee – und ich wusste das in dem Moment, als ich bei Kaquu auf Daniel Humms Minestrone stieß. Als ich die Bilder sah und die herrliche Zutatenliste, war mir klar, dass dies das Ende meiner (kläglichen – zugegeben) Arbeitsmoral sein würde.

Machen wir uns nichts vor: Wenn man die Wahl hat, ein halbes Kilo Gemüse zu feinsten Brunoise zu verarbeiten oder endlich die wissenschaftlichen Texte zu exzerptieren – wendet man da eher drei Töpfe und die gute Gusseiserne für eine einzige Suppe auf oder fesselt sich stundenlang an den Rechner?

„The work you do while you procrastinate is the work you should be doing the rest of your life“, sagt Jessica Hische, Illustratorin aus New York. Vielleicht hat sie recht – vielleicht nicht. Stepanini hat viel Kluges dazu gedacht und aufgeschrieben.

Ich – weiß es nicht. Ich warte. Setze auf morgen – und lege euch bis dahin diesen wirklich ganz hervorragenden Eintopf ans Herz (und ihr wisst, wie ich von Eintöpfen denke).
Allein der Fond – dieser unglaublich aromatische Fond – war jeden einzelnen Gewissensbiss wert, und ich bin akut gefährdet, das alles nochmal zu tun – mit allen Konsequenzen.
Zu Hilfe!

Sonntag, 7. Juni 2015

Holler [sic], die Waldfee: Holunderblütenspargel zu Buchweizenerde und Milchcreme mit Dill nach Stephan Hentschel


Ach, du mein Stadtwald! Im Herbst verschenkst du Safranschirmlinge und manchmal Maronen, im Frühjahr Unmengen von Wunderlauch und Waldmeister, und jetzt, im Sommer, bekomme ich von dir Brennnesseln und Holunder – unbehandelt, abgasfrei, gratis.

Und das sind nur die Dinge, die ich zweifelsfrei erkenne. Mit ein bisschen mehr Ahnung, j'en suis sûre, ginge da wesentlich mehr. Aktuell hätte ich mich zum Beispiel über ein paar Blättchen Sauerampfer von den angrenzenden Wiesen gefreut, um das zu diesem Dessert vorgesehene Eis zu kredenzen. Leider: Fehlanzeige.

So sprang mein Herzenskraut Dill in die Bresche und entpuppte sich als idealer Ersatz: Die Milchcreme liefert das Weiche, Frische zu, das mit der kernigen Buchweizenerde und dem fein-blumigen Spargel aufs Beste harmoniert.

Mittwoch, 3. Juni 2015

Nesselfieber: Brennnessel-Schlutzkrapfen mit geröstetem Roggenmehl


Die Leute gucken. Wenn man am Rand des Stadtwalds zwischen Brennnesselstauden steht und sich mit OP-Handschuhen an deren Spitzen zu schaffen macht, dann hat man Zuschauer: Den Herrn, der fast vom Fahrrad fällt, weil er vor lauter Starrerei das dicke Schlagloch übersieht. Die Dame, die irgendwann der eigene Hund weiterzerren muss, weil es sonst unhöflich würde.
Ich dachte, ich sage das lieber dazu.

Denn raus – dahin, wo die Nessel wächst – muss man für dieses Essen. Aber: es lohnt. Denn – das sollte ich vielleicht auch noch erwähnen – das Ergebnis hat nichts mit nichts mit dem Brennnesselkäse aus dem Supermarkt zu tun oder dem kapriziösen Geschmack von Brennnesseltee. Im Gegenteil: Die jungen Nesseltriebe in der Füllung schmecken frisch, sehr fein und trotzdem eigen; der Pecorino – Umami! – flankiert da nur.

Und ich frage mich, ob ich darüber lachen oder weinen soll. Mein Herz für alles Neue, Andere, Verwegene tanzt und freut sich ob dieses so ungewohnten, intensiven Aromas. Meine Spießerseele hingegen ist ziemlich betrübt – darüber, dass etwas so Einfaches wie Brennnessel, etwas, das bis vor wenigen Dekaden noch völlig selbstverständlich Teil des mitteleuropäischen Speisezettels war, so schnell zur Kuriosität verkümmern konnte – verdrängt von Chia, Goji und Moringa. Zumal sie von da, aus dieser Nische, die bis vor Kurzem auch Bärlauch, Holler und Regionalität noch bewohnten, vermutlich erst den Umweg über Berlin-Mitte nehmen muss, bevor sie wieder sein kann, was sie immer war: Lebensmittel (und Kinderschreck).

Aber vielleicht heben wir uns den Kulturpessimismus (Sauerampfer, Löwenzahn, Waldmeister – wer bietet mehr?) für später auf – schließlich gibt es sie ja, die löblichen Ausnahmen: Bei Micha, beim Mundwerk. Für Claudios Brennnesselgnocchi muss man zwar ein bisschen mehr Sammelwut an den Tag legen und für Antoniewicz' und Hurnungees Kompendium zu Rohstoffen* wie diesem ein kleines bisschen Geld.
Am Resultat dürfte das wenig ändern.